Agile Softwareentwicklung für Kraftwerke

Beitrag teilen

Bei der Vorbereitung eines Seminars über agile Grundlagen kamen mir alte Unterlagen aus den 90er Jahren in die Hände, die ich heute mit ganz anderen Augen betrachte. Damals war das Wort „agil“ zumindest in der Softwareentwicklung noch unbekannt. Das kam ja erst 2001 in Utah in Zusammenhang mit dem „Agilen Manifest“ auf. Trotzdem arbeiteten wir damals schon iterativ und inkrementell. Zentrale Modelle waren für uns damals das sogenannte Spiralmodell nach Böhm und das Rapid Prototyping.

Wir, das waren in den 90ern eine Hand voll junger Ingenieure und Programmierer, die für die Steuerungssoftware eines Würzburger Kraftwerkbauers zuständig waren. Schwerpunkt waren Rauchgasreinigungsanlagen für die Müllverbrennung und für fossile Kraftwerke. Die Leittechnik-Hardware waren überwiegend SIMATIC S5 Systeme von Siemens, die in diesen Anlagen die teuren TELEPERM Systeme ablösten. Auf der Bedien- und Beobachtungsebene wurde die alte Leitwartentechnik durch PC-gestützte Bildschirmsysteme abgelöst. Auch ein Teil der Regelungstechnik wurde auf PCs mit einem Echtzeitsystem verwirklicht.

Der Verbrennungsprozess einer Müllverbrennungsanlage erfordert, auf Grund der Inhomogenität und Zufälligkeit des Brennstoffs, eine anspruchsvolle und komplexe Regelung. Sollen doch Dampf- und damit Stromerzeugung, sowie die Abgasreinigung in einem engen Toleranzbereich stabil laufen.

Inspect and adapt

Da wir nicht auf vorhandene Lösungen zurückgreifen konnten, mussten wir erfinderisch sein. Und das hieß viel zu experimentieren. Mit CASE-Tools für die Softwareerstellung mit C++, mit Echtzeitsystemen und gekoppeltem MMI für die Bedienung und Datenarchivierung. Mit einer Prozessebene über die SIMATIC S5, später S7. Die Prozessperipherie wurde während der Entwicklung teilweise durch ein Simulationssystem ersetzt, mit dem eine inkrementelle Entwicklung des Gesamtsystems möglich wurde. Inspect and adapt war gelebter Entwicklungsalltag!

Bei so viel Neuland und Unwägbarkeiten war eine traditionelle Vorgehensweise mit Pflichtenheft und Wasserfallmodell einfach nicht möglich. So wurde, entsprechend dem Spiralmodell, das Gesamtprojekt in vielen einzelnen Iterationen entwickelt. Dazu gehörte auch die Zusammenarbeit mit den Anlagenfahrern in den Kraftwerken, die der neuen Technik meist eher skeptisch gegenüberstanden. Dazu wurden UIs mit einem Zeichenprogramm erstellt und mit den späteren Benutzern Stück für Stück entwickelt. Gleichzeitig versuchten wir das Wissen der erfahrenen Anlagenbediener zu erfassen und in Software umzusetzen. Das war nicht einfach, da sich vermeintliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Nachhinein manchmal als Irrglaube herausstellten.

Agile Führung?

Die Leitung dieses jungen und hochmotivierten Entwicklungsteams fiel mir nicht immer leicht. War es meine berufliche Vergangenheit als Sozialarbeiter, oder lag es an der speziellen Kultur von Softwareentwicklern? Auf alle Fälle eckten wir immer wieder mit dem traditionellen Führungsverständnis im Kraftwerksbau an. Mein Chef interpretierte die lockere und gute Stimmung im Entwicklungsteam mehr als einmal als Führungsfehler. Dabei waren alle einfach nur hoch motiviert und hatten Spaß bei der Arbeit. Und Erfolg! Im Grunde waren wir ein, für die damalige Zeit sehr weitgehend, selbst organisiertes Team. Meine Führungsaufgabe bestand hauptsächlich daraus, Impulse zu geben und den Teamkontext möglichst förderlich zu gestalten. Inspiriert wurde ich durch Menschen wie Tom DeMarco und Timothy Lister und ihrem Buch „Wien wartet auf dich! Der Faktor Mensch im DV-Management“.

Wie ging es zu Ende? Irgendwann wurden weit oben in der Vorstandsebenen bei Landesbank und Mutterkonzern neue Weichen gestellt, fusioniert und der Würzburger Unternehmensstandort weitestgehend aufgelöst. Das entstandene Knowhow und die gemachten Erfahrungen wurden in neuen Unternehmen und Teams weiterverbreitet. Bei mir führte es letztendlich dazu, dass ich mich heute auf die agilen Transitionen in Unternehmen spezialisiert habe und die gemachten Erfahrungen aus 40 Jahren in meine aktuelle Arbeit einfließen lasse. Der Kreis hat sich geschlossen.

Foto: By Simon Mannweiler (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons